
Selbstwirksamkeit als Schlüssel für Bildungs- und Berufswege
Veröffentlicht am 07. Okt. 2026
Der Übergang von der Schule in Ausbildung und Beruf gehört zu den entscheidenden Weichenstellungen im Lebenslauf. Gleichzeitig verläuft er längst nicht für alle jungen Menschen unter idealen Bedingungen. Während einige Jugendliche direkt in Ausbildung oder Studium einmünden, erleben andere Umwege, Warteschleifen oder Brüche in ihrer Bildungsbiografie. Solche Schwierigkeiten werden auch als individuelles Versagen interpretiert. Fehlende Motivation, mangelnde Ausbildungsreife oder unzureichende Kompetenzen gelten dann als Ursachen für einen nicht gelingenden Übergang. Dieser Blick greift jedoch zu kurz. Bildungs- und Berufswege formen sich nicht allein durch persönliche Entscheidungen. Sie werden ebenso von sozialen, familiären und institutionellen Rahmenbedingungen geprägt. Probleme am Übergang sind deshalb oft Ausdruck biografischer Erfahrungen und struktureller Ungleichheiten, nicht ausschließlich persönlicher Defizite (Reißig et al., 2018). Berufliche Orientierung findet deshalb nie losgelöst, sondern immer im Kontext der eigenen Biografie statt.
Schwierigkeiten beim Übergang beeinflussen die Erwartungen, die junge Menschen an sich selbst und ihre Zukunft entwickeln. Wer wiederholt Misserfolge erlebt oder Rückmeldungen über vermeintliche Defizite erhält, verliert leichter das Vertrauen in die eigenen Handlungsmöglichkeiten. Umgekehrt können Anerkennung, Unterstützung und Erfolgserlebnisse dazu beitragen, dieses Vertrauen aufzubauen. Vor diesem Hintergrund gewinnt die individuelle Selbstwirksamkeit besondere Bedeutung. Nach Bandura (1997) beschreibt sie die Überzeugung, Herausforderungen aus eigener Kraft bewältigen und Einfluss auf die eigene Zukunft nehmen zu können. Diese Überzeugung entwickelt sich durch Erfahrungen des Gelingens und durch verlässliche Unterstützung. So kann bereits eine erfolgreich absolvierte Praktikumsphase oder die Erfahrung, mit Unterstützung einer Beratung einen Ausbildungsplatz zu finden, das Vertrauen stärken, eigene Herausforderungen bewältigen zu können. Umso wichtiger sind Angebote, die Ressourcen sichtbar machen, Erfolgserlebnisse ermöglichen und individuelle Entwicklung begleiten.
Erkenntnisse des Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb) aus einer Befragung junger Menschen, die eine Beratung bei einem Partner einer Jugendberufsagentur hatten, unterstreichen, dass es dabei um weit mehr als die Weitergabe von Informationen geht. Viele Jugendliche berichten von mehr Klarheit über ihre nächsten Schritte, einem stärkeren Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und einer positiveren Einschätzung ihrer beruflichen Zukunft. Bedeutsam ist darüber hinaus die Erfahrung, mit Herausforderungen nicht allein zu sein und auf verlässliche Unterstützung zurückgreifen zu können. Daraus lässt sich eine zentrale Erkenntnis ableiten: Selbstwirksamkeit entsteht nicht durch Appelle zur Eigenverantwortung. Sie entwickelt sich vor allem dort, wo Menschen Anerkennung erfahren, beteiligt werden und konkrete positive Erfahrungen machen können. Gerade bei komplexen Problemlagen sind deshalb vernetzte Unterstützungsstrukturen und kontinuierliche Begleitung von großer Bedeutung. Jugendberufsagenturen verdeutlichen, wie eine solche Unterstützung durch rechtskreisübergreifende Kooperation gestaltet werden kann. Die regionale Vernetzung der Agenturen für Arbeit, Jobcenter, Jugendhilfe und weiterer Beratungsangebote verbessern die Chancen junger Menschen eine langfristige und bedarfsgerechte Begleitung und Unterstützung zu erhalten.
Was sich am Übergang von der Schule in den Beruf beobachten lässt, verweist zugleich auf eine grundsätzliche Herausforderung gegenwärtiger Erwerbsbiografien. Berufliche Biografien verlaufen heute deutlich weniger geradlinig als noch vor wenigen Jahrzehnten. Digitalisierung, technologische Innovationen, der demografische Wandel und die ökologische Transformation verändern Tätigkeiten und Qualifikationsanforderungen in hohem Tempo. Das Weltwirtschaftsforum (2025) geht davon aus, dass sich bis 2030 rund 39 Prozent der für Arbeit relevanten Kompetenzen verändern werden. Lebenslanges Lernen wird damit zunehmend zur Normalität. Ob Menschen neue Lern- und Entwicklungswege einschlagen, hängt jedoch nicht allein von vorhandenen Angeboten ab. Ebenso wichtig ist die Überzeugung, Veränderungen bewältigen und den eigenen Weg aktiv gestalten zu können. Die Förderung von Selbstwirksamkeit ist deshalb nicht nur eine Voraussetzung für einen gelingenden Berufseinstieg, sondern auch für die erfolgreiche Gestaltung beruflicher Übergänge im gesamten Lebensverlauf.
Literatur
Bandura, A. (1997). Self-efficacy: The exercise of control. New York: Freeman.
Reißig, B., Tillmann, F., Steiner, C., & Recksiedler, C. (2018). Was kommt nach der Schule? Wie sich Jugendliche mit Hauptschulbildung auf den Übergang in die Ausbildung vorbereiten. München/Halle: Deutsches Jugendinstitut.
World Economic Forum. (2025). The Future of Jobs Report 2025. Genf: World Economic Forum.
Ansprechpartner und Beitragsverfassende
Dominik Harder

Charley Pedde