Schmuckbild Frau am Schreibtisch mit Büchern und Unterlagen.

Reifeentwicklung durch die Erfahrung des Studienabbruchs

Veröffentlicht am 09. Okt. 2026

Ein Studienabbruch wird im bildungspolitischen Diskurs häufig als Problemfall betrachtet – als Indikator ineffizienter Bildungsbiografien und als volkswirtschaftlicher Verlust – dabei kann er auch positive Neuorientierungen und passungsfähigere Anschlusswege eröffnen. Innerhalb der vom Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb) koordinierten und im Verbund* umgesetzten Initiative Zweifellos – Finde deinen Weg wurden deshalb in einem Forschungsbaustein Übergänge von Studienabbrecher*innen in die berufliche Ausbildung untersucht, um diese Perspektive zu erweitern. Im Zentrum steht dabei insbesondere die Frage nach Entwicklungen, die sich im Prozess des Abbruchs vollziehen und wie Unternehmen daraus entstandene Stärken wahrnehmen und bestmöglich in der Ausbildung heben und nutzen können.

Von Mai 2025 bis Februar 2026 wurden dazu eine deutschlandweite fragebogengestützte Erhebung von 275 Unternehmensvertreter*innen sowie sechs qualitative leitfadengestützte Interviews mit ebendiesen durchgeführt (siehe hierzu „Studienabbrecher*innen und ihre Potenziale in der dualen Ausbildung aus betrieblicher Sicht“). Zu Letzteren soll ein kurzer Einblick gegeben werden, denn die Ergebnisse deuten auf ein wiederkehrendes Muster hin: Die befragten Ausbilder*innen nehmen die Gruppe der Studienabbrecher*innen häufig als überdurchschnittlich reflektiert, zielgerichtet und belastbar wahr. „Im Normalfall sind das durch das Studium bereits lebenserfahrenere Personen, die eher wissen, was sie wollen und wohin die Reise geht. Sie nutzen diese Chance, sind engagiert, lernbereit und motiviert“, berichtet ein Ausbilder. Diese Zuschreibungen lassen sich als berufliche Reife interpretieren, die sich von linearen Bildungsbiografien unterscheidet. Studienabbrecher*innen erscheinen demnach weniger als „gescheitert“, sondern als Personen, die bereits intensive Auseinandersetzungen mit eigenen Erwartungen, Leistungsgrenzen und beruflichen Orientierungen durchlaufen haben. Dazu kommen zahlreiche Aussagen zum vorangeschrittenen Alter, das durch Abitur und die Zeit im Studium ebenfalls auf eine wahrgenommene höhere Reife einzahlt, wie folgende Aussage verdeutlicht.

„Studienabbrecher sind eigentlich das Beste, was einem Unternehmen passieren kann. Sie sind einfach schon reifer. Meistens sind sie ja auch ein bisschen älter, weil sie ja auch schon ihr Abitur oder eine andere Voraussetzung zur Fachhochschule haben. Im Studium lernt man das Lernen doch nochmal ein bisschen anders, was einem dann bei der Ausbildung und im Schulalltag, aber auch im Praxisalltag hilft.“

Wie die Einblicke in die Interviews veranschaulichen, lässt sich ein Studienabbruch als biografischer Umbruch verstehen. Der Abbruchprozess ist häufig von Irritation, Unsicherheit und krisenhaften Erfahrungen geprägt, womit diese Momente als Ausgangspunkte für das Abwenden einer defensiven Lernhandlung (vgl. Holzkamp 1993, S. 190f.) fungieren können. Das Erkennen und Eingestehen von Überforderung oder Fehlentscheidungen kann somit als Ressource interpretiert werden. Es ermöglicht, die eigene Position kritisch zu hinterfragen, eigene Stärken und Interessen neu zu bewerten und die Verfügung über den eigenen Handlungsspielraum zu erweitern. Dadurch wird „Scheitern“ weniger als solches benannt, sondern die Zeit des Studiums als produktiver Bestandteil individueller Entwicklung gefasst. Das zeigt sich auch dadurch, dass die Interviewten den Abbruch selten als defizitär betrachten, sondern eher wertschätzend als individuelle Phase der Entwicklung anerkennen. Der Übergang in eine berufliche Ausbildung erscheint vor diesem Hintergrund weniger als Bruch denn als anschlussfähiger Orientierungsprozess hin zur Verfügungserweiterung auf den eigenen (expansiven) Lernprozess (vgl. ebd.). Die im Studium gesammelten Erfahrungen, sowohl positive als auch negative, können in der Folge dazu beitragen, Anforderungen der Ausbildung realistischer einzuschätzen und besser zu bewältigen. Der Studienabbruch fungiert somit als Katalysator, der die Passung zwischen individuellen Dispositionen und beruflichen Anforderungen verbessert.

Mit Blick auf die vorliegenden Untersuchungsergebnisse lässt sich festhalten, dass der Studienabbruch nicht nur als verlorene Zeit oder ökonomisch schädlich interpretiert werden sollte. Vielmehr kann er in Zeiten schwer überschaubarer Bildungs- und Berufsmöglichkeiten, begleitet von sozialen Zwängen und ökonomischen Unsicherheiten, für junge Menschen einen zentralen Orientierungs-, Entwicklungs- und Reflexionsmoment darstellen. In der Folge kann dies dazu führen, im Wissen über die eigenen Stärken, besser auf zukünftige Herausforderungen vorbereitet zu sein und den Umgang damit besser zu meistern.

Zur frühzeitigen Unterstützung der Studienzweifler*innen und -abbrecher*innen ist es deshalb wichtig, niedrigschwellige und ergebnisoffene Angebote zur Begleitung des Prozesses besser sichtbarer zu machen. Die Initiative Zweifellos setzt dort an und fördert die Vernetzung und Sensibilisierung der Bildungs- und Beratungsakteure sowie von Unternehmen.

 

*Förderhinweis:

„Zweifellos – Finde deinen Weg“ ist eine Initiative der Studienabbruch-Projekte Queraufstieg Transfer, Quickstart Sachsen Transfer und Kompass M-V Transfer und wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen der Initiative der Bildungsketten. Die Koordination findet durch das Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb) statt.

 

Literatur

Holzkamp, K. (1993): Lernen. Subjektwissenschaftliche Grundlegung. Frankfurt/M.

Mehr Infos

Einblicke in die Ergebnisse der quantitativen Unternehmensbefragung finden Sie im f-bb-Working Paper: „Studienabbrecher*innen und ihre Potenziale in der dualen Ausbildung aus betrieblicher Sicht“ https://www.f-bb.de/unsere-arbeit/publikationen/studienabbrecherinnen-und-ihre-potenziale-in-der-dualen-ausbildung-aus-betrieblicher-sicht

Weitere Veröffentlichungen aus dem Forschungsbaustein folgen im Herbst 2026. Auf https://www.studienzweifel-los.de/ halten wir Sie dazu auf dem Laufenden.

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