
Orientierung im Wandel - Vernetzte Beratungs- und Bildungsräume als Gelingensfaktoren beruflicher Weiterbildung
Veröffentlicht am 08. Okt. 2026
Die Arbeits- und Lebenswelt verändert sich in einem Tempo, das sich schwer prognostizieren lässt. Digitalisierung, demografischer Wandel und neue Formen der Arbeit verschieben Berufe und Erwerbsverläufe. Für die Einzelnen erweitern sich die Optionen, während verlässliche Aussagen über die weitere Entwicklung fehlen. Diese Lage erzeugt bei Beschäftigten weniger eine messbare Bedrohung als vielmehr eine subjektiv erlebte Unsicherheit. Damit rückt Ambiguitätstoleranz in den Blick, also die Fähigkeit, mehrdeutige (unsichere) Situationen auszuhalten, ohne sie schnell auflösen zu können (Frenkel-Brunswik 1949).
In einer solchen Situation kommt Beratung eine wesentliche Rolle zu. Sie vermittelt zunehmend nicht nur Informationen über den Arbeitsmarkt, sondern wird zum Reflexions- und Resonanzraum für diejenigen, die sich orientieren wollen. Beratung, die hier unterstützt, muss zweierlei leisten: Sie muss der Komplexität des Bildungs- und Arbeitsmarkts gerecht werden und dabei unterstützen Unsicherheit auszuhalten, um auch in unübersichtlichen Situationen handlungsfähig zu bleiben (Cedefop 2026).1 Damit steigt die Komplexität der Aufgabe von Beratung. Das europäische Referenzrahmenwerk für lebensbegleitende Beratung versteht Beratung deshalb nicht als isolierten Dienst, sondern als Teil eines abgestimmten Systems (Cedefop 2026).2
Eine Antwort auf die sich verändernden Anforderungen für Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung sind vernetzte Beratungs- und Bildungsräume: regionale Kooperationsstrukturen, in denen die Akteure der Beratung und Weiterbildung ihre Angebote dauerhaft, trägerneutral und verbindlich abgestimmt zugänglich machen. Ratsuchende erhalten einen niedrigschwelligen Zugang, gebündelte Informationen, inhaltliche Orientierung und Lösungen (z.B. Förderübersicht) aus einer Hand. Praktisches Beispiel ist die Weiterbildungsagentur Sachsen-Anhalt, die 2021 als Pilotprojekt im Rahmen der Nationalen Weiterbildungsstrategie (BiBB 2019) durch das Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Gleichstellung des Landes Sachsen-Anhalt und die Bundesagentur für Arbeit. Regionaldirektion Sachsen-Anhalt-Thüringen initiiert wurde. Dort arbeiten in vier Regionen die Agenturen für Arbeit, die Landesinitiative „Fachkraft im Fokus" und das Zukunftszentrum Digitale Arbeit Sachsen-Anhalt (ZZST) zusammen. Über letzteres ist das Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb) als Träger des ZZST eingebunden (siehe Abbildung 1).
Die Zusammenarbeit im Netzwerk ist voraussetzungsvoll und lässt sich in vier konkreten Schwerpunkten abbilden.
- Kommunikation: Zusammenarbeit auf Augenhöhe setzt voraus, dass die Partner einander kennen und Informationen austauschen, sowohl zu fachlichen Inhalten als auch im Rahmen der kundenbezogenen Zusammenarbeit; hier braucht es, ergänzend zum persönlichen Faktor, z.B. datenschutzkonforme Austauschplattformen als Arbeitsgrundlage (SWBA 2026).
- Koordination der Zusammenarbeit: Verbindliche Strukturen, eine Steuerung der Kooperation und eine gemeinsame Sicherung der Beratungsqualität über die Grenzen der einzelnen Träger hinweg, sind wesentliche Voraussetzung für eine qualitativ wertiges und wirkungsorientiertes Angebot.
- Kenntnis der Angebote: Beratung aus einer Hand verlangt aktuelles Überblickswissen über die Angebote und Zuständigkeiten der Netzwerkpartner.
- Konkurrenzfreiheit: Im Fokus muss das übergeordnete Ziel der gemeinsamen Wirksamkeit für die Region stehen. Was bedeutet, dass die jeweiligen Zielsetzungen der beratenden Organisationen dem unterzuordnen sind.
Damit Beratung aus einer Hand wirksam werden kann, brauchen die jeweiligen Netzwerkpartner ein gemeinsames Verständnis von Qualität und Professionalität. Gegenwärtig fehlen den Netzwerken verbindlichen Regelungen zur Qualitätssicherung zumeist noch. „Vielmehr lassen sich unterschiedliche Zugänge, wie ein „freiwillige Verpflichtung“ auf Leitlinien und Standards (z.B. Standards des dvd oder das Instrument der BA-Berufsberatung zur Qualitätserfassung), Einführung eines organisationalen Qualitätsmanagementsystems (QMS) wie EFQM oder das LQW-Modell (Definition von Leitbildern), sowie der Einsatz von Evaluation, erkennen“ (BiBB 2019). Daneben bietet das BeQu-Konzept des Nationalen Forums Beratung Standards für einen Qualitätsentwicklungsrahmen und ein Kompetenzprofil (nfb/Forschungsgruppe Beratungsqualität 2014). Hier wäre ein geeigneter Rahmen, um – orientiert an regionalen Erfordernissen – beteiligungsorientiert eine jeweils praxisnahe Lösung zu entwickeln. In der Netzwerkarbeit unterziehen sich diese Qualitätskriterien in der konkreten Zusammenarbeit einem Realitätstest: in verlässlichen Verweis- und Übergabeprozessen, einer geteilten Wissensbasis und in Zugängen, die auch Menschen erreichen, die Weiterbildung bislang selten nutzen. Prozesse, die dann entsprechend evaluiert und weiterentwickelt werden können. Wer Ambiguitätstoleranz vermitteln will, muss diese selbst aufbringen; Fortbildung und kollegiale Fallberatung, Supervision und Evaluation gehören deshalb zum Standard der Qualitätssicherung.
Woran bemisst sich der Nutzen vernetzter Beratungs- und Bildungsräume? Letztlich an dem, was Ratsuchende mit Hilfe der Beratung bewältigen. Dafür steht der Begriff der career adaptability, die psychosozialen Ressourcen, mit denen Menschen berufliche Übergänge gestalten. Sie umfasst vier Dimensionen: Concern (Zukunftsbezug), Control (Steuerung), Curiosity (Erkunden) und Confidence (Zutrauen) (Savickas/Porfeli 2012). Vernetzte Beratungs- und Bildungsräume zahlen auf alle vier ein: Niederschwellige Zugänge bringen auch Zögernde dazu, sich mit ihrer beruflichen Zukunft gestaltend zu befassen. Die Beratung aus einer Hand ordnet das schwer zu überblickende Feld der Angebotsstrukturen und ermöglicht die Planung eines konkreten nächsten Schrittes. Der trägerneutrale Angebotsüberblick eröffnet Optionen, die ein einzelner Anbieter nicht aufzeigen kann. Die kontinuierliche Begleitung stärkt das Zutrauen, den Weg auch bei Rückschlägen weiter zu gehen. So wird aus einer individuellen Über- oder Herausforderung, mit Unterstützung einer lebensphasenbegleitenden Beratung ein Zugang zum lebenslangen Lernen.
Wie vernetzte Beratungs- und Bildungsräume in unterschiedlichen Settings von der Weiterbildungsagentur über die Jugendberusfagentur bis hin zum Studienzweifel gelingend gestaltet werden können, ist Thema der nfb-Jahrestagung am 24. November 2026 in Magdeburg, die das Nationale Forum Beratung gemeinsam mit dem f-bb ausrichtet.
Förderhinweis: Das Projekt „Zukunftszentrum Digitale Arbeit Sachsen-Anhalt" wird im Rahmen des Programms „Zukunftszentren" durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und die Europäische Union über den Europäischen Sozialfonds Plus (ESF Plus) gefördert und vom Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Gleichstellung des Landes Sachsen-Anhalt kofinanziert.
Literatur
Bundesinstitut für Berufsbildung.(2019). AB 4.2 Innovative Weiterbildung, Durchlässigkeit, Modellversuche: Weiterbildungsberatung in Deutschland – Angebote, Strukturen und Entwicklungsfelder. Bonn. https://www.bibb.de/dokumente/pdf/Weiterbildungsberatung_in_Deutschland.pdf (Aufgerufen 29.07.2026)
Cedefop. (2026). An EU reference framework for lifelong guidance. 18 guidelines for policy and systems development. Cedefop reference series; 128. Publications Office of the European Union. DOI: 10.2801/8255414 https://www.cedefop.europa.eu/en/publications/3098 (Aufgerufen 29.07.2026)
Fitzenberger, B./Leber, U./Schwengler, B. (2026): Betriebliche Weiterbildung in Krisenzeiten: Die erhoffte Trendwende bleibt aus. In: IAB-Forum, 15. April 2026.
Frenkel-Brunswik, E. (1949): Intolerance of ambiguity as an emotional and perceptual personality variable. In: Journal of Personality 18 (1), S. 108–143.
nfb – Nationales Forum Beratung/Forschungsgruppe Beratungsqualität (2014): Professionell beraten: Qualitätsstandards und Kompetenzprofil für die Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung (BeQu-Konzept). Berlin/Heidelberg.
Savickas, M. L./Porfeli, E. J. (2012): Career Adapt-Abilities Scale: Construction, reliability, and measurement equivalence across 13 countries. In: Journal of Vocational Behavior 80 (3), S. 661–673.
Servicestelle Weiterbildungsagenturen (SWBA) (2026): Weiterbildungsberatung für die Zukunft gemeinsam gestalten – erstes bundesweites Vernetzungstreffen der SWBA. Bonn.
Fußnoten:
- „Through continuously pursuing their ongoing career development, individuals can respond to and shape their worlds in the context of the pace of change and uncertainty.“
CMS are therefore a central concept for lifelong guidance and support for their acquisition needs to be integrated into relevant policies. This moves guidance beyond information provision towards empowerment.
Ansprechpartner und Beitragsverfassende

Michael E. W. Ney
