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Wer fragt, verändert...

Wie Weiterbildungsmentoring stille Stimmen sichtbar macht

Ein Gespräch auf Augenhöhe kann viel bewirken. Genau darauf baut Weiterbildungsmentoring auf. Das Projekt „Wandel begleiten – Weiterbildungsmentor*innen in der Kunststoffindustrie (WBMplusK)“ überträgt diesen Ansatz auf die Kunststoffindustrie. Wenn man Beschäftigte dabei unterstützt, ihre Weiterbildungsbedarfe zu formulieren, stärkt das zugleich ihre Fähigkeit zur demokratischen Teilhabe im Betrieb. Damit ist die Kompetenz gemeint, die eigene Situation im Betrieb wahrzunehmen, zu benennen und gestaltend einzugreifen. Sie zeigt sich im Dialog, im Aushandeln und Finden von Kompromissen und führt zu der Überzeugung, durch eigenes Handeln etwas verändern zu können.

Das Matthäus-Prinzip als Demokratieproblem?

In der Weiterbildung gilt seit Jahrzehnten das sogenannte Matthäus-Prinzip – nach dem Bibelsatz „Wer hat, dem wird gegeben“. Bezogen auf die Weiterbildung heißt das: Wer bereits gut qualifiziert ist, bildet sich häufiger weiter, während diejenigen, die es am dringendsten bräuchten, zurückbleiben (vgl. Käpplinger et al., 2024). Von dieser strukturellen Schieflage sind insbesondere Geringqualifizierte, zugewanderte Beschäftigte und Quereinsteiger*innen betroffen. Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung nennen Beschäftigte im Durchschnitt sechs bis acht Barrieren, die einer Teilnahme an Weiterbildungsmaßnahmen entgegenstehen. Diese reichen von fehlenden Anreizen und Informationslücken bis zur mangelnden betrieblichen Weiterbildungskultur (Noack, 2025). Nur jede zweite Person plant, sich in den nächsten zwölf Monaten weiterzubilden. Dies ist nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein demokratisches Problem: Wer dauerhaft von Weiterbildung ausgeschlossen bleibt, erfährt im Betrieb keine Selbstwirksamkeit. Weiterbildungsförderung ist somit auch eine Form der Demokratiestabilisierung.

Weiterbildungsmentor*innen: Neue Akteure mit niedrigschwelligem Zugang

Weiterbildungsmentor*innen (WBM) springen dort ein, wo formelle Strukturen versagen. Als Kolleginnen und Kollegen gehen sie ohne institutionelle Distanz auf jene zu, die von regulären Angeboten nicht erreicht werden. Für Geringqualifizierte sind genau diese niedrigschwelligen, aufsuchenden Formate entscheidend. WBM verbinden Kompetenzdiskussionen, Anerkennungsfragen und Persönlichkeitsentwicklung miteinander.

Damit WBM diese Brückenfunktion ausüben können, benötigen sie gezieltes Rüstzeug. Im Projekt „WBMplusK” wurde hierfür ein branchenspezifisches Qualifizierungskonzept entwickelt, das die WBM auf die besonderen Herausforderungen in der Kunststoffindustrie vorbereitet.

Das Qualifizierungskonzept umfasst vier Themenblöcke, die durch Praxisphasen ergänzt werden: (1) Weiterbildung verstehen und gestalten, (2) Orientierung im Weiterbildungsdschungel, (3) Wirksam beraten und begleiten sowie (4) Mentoring reflektieren.

Im ersten Modul erwerben die Teilnehmenden Grundlagenwissen zu Weiterbildungsbedarfen und ihrer Rolle im Betrieb. Im zweiten Modul erhalten sie einen Überblick über regionale und passgenaue Angebote, Fördermöglichkeiten und relevante Netzwerke. Im dritten Modul wird das Rüstzeug für eine gerechte Ansprache vermittelt. Hier lernen die Weiterbildungsmentor*innen, schwer erreichbare Zielgruppen im Betrieb zu identifizieren und gezielt anzusprechen. Sie entwickeln Strategien, um Hemmschwellen abzubauen, Vertrauen aufzubauen und Gespräche niedrigschwellig zu gestalten. Zudem werden Methoden vermittelt, um individuelle Stärken sichtbar zu machen und daraus Entwicklungsperspektiven abzuleiten. Das Ziel besteht darin, Beschäftigte aktiv in Weiterbildungsprozesse einzubinden und ihre Teilhabe zu stärken. Im vierten Modul steht schließlich die langfristige Begleitung im Fokus: Die Mentor*innen lernen, wie sie ihre „Mentees“ auf ihrem Weiterbildungsweg unterstützen können. So wird eine dauerhafte Wirkung im Betrieb ermöglicht.

Wer seinen Weiterbildungsbedarf benennen kann, gestaltet das eigene Arbeitsleben aktiv mit. Die WBM ermutigen Beschäftigte ihre Entwicklungsbedarfe zu formulieren und unterstützen sie dabei, diese an geeigneter Stelle einzubringen, auch bei möglichen Vorbehalten. . WBM vermitteln zwischen Beschäftigten, Führungskräften sowie Betriebs- und Personalräten und tragen so zu einer offenen Kommunikation bei. Dabei schaffen sie Räume, in denen Stimmen hörbar werden, die sonst ungehört blieben.

WBMplusK: Von der Beratung zur Demokratiestärkung

Im Projekt „WBMplusK” erproben wir diesen Ansatz in der Kunststoffindustrie, einer Branche, die sich in einem Transformationsprozess befindet, gemeinsam mit dem SKZ | Das Kunststoffzentrum. Das Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb) ist für die wissenschaftliche Begleitung verantwortlich: von der Bedarfsanalyse über die Entwicklung eines branchenspezifischen Qualifizierungskonzepts bis hin zur Evaluation. Im Mittelpunkt steht dabei nicht die Defizitkorrektur, sondern die Stärkenorientierung: WBM unterstützen Beschäftigte dabei, ihre Potenziale zu erkennen und diese in Worte zu fassen. Betriebliche Demokratie beginnt nicht mit der großen Betriebsvereinbarung, sondern mit ehrlichen Gesprächen auf Augenhöhe.

 

Literatur:

Noack, M. (2025). Was Beschäftigte von Weiterbildung abhält. Bertelsmann Stiftung.

Käpplinger, B., Koubek, E.-M. Reuter, M., & Bilger, F. (2024). Weiterbildungsbeteiligung nachhaltig ungleich? In: Erwachsenenbildung und Nachhaltigkeit, 223–238.

Heiko Weber

Hannah Riede