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EU Zuwanderung: Warum Menschen kommen – und warum sie wieder gehen

Fünf Fragen und Antworten zur neuen Studie „Rechtlich gleichgestellt – praktisch benachteiligt? EU Zugewanderte in Deutschland“

Jedes Jahr kommen circa 100.000 Menschen aus EU-Ländern wie Rumänien oder Polen nach Deutschland (jährliche Nettozuwanderung). 2024 wurde seit 2008 erstmals ein negativer Wanderungssaldo, also weniger Zu- als Fortzüge aus der EU nach Deutschland ermittelt. (Quelle Destatis: Korrektur: Nettozuwanderung 2024 auf 430 000 Personen gesunken - Statistisches Bundesamt) Die Studie „Rechtlich gleichgestellt – praktisch benachteiligt? EU‑Zugewanderte in Deutschland“ untersucht die Motive für Zu- und Abwanderung von EU‑Bürgerinnen und ‑Bürgern sowie die Herausforderungen, denen sie im Alltag und im Arbeitsleben begegnen. Auf dieser Grundlage werden Ansatzpunkte entwickelt, wie Teilhabe verbessert und faire Arbeitsbedingungen gestärkt werden können.

Beauftragt wurde die Studie von der EU‑Gleichbehandlungsstelle, an ihrer Erstellung war das f‑bb beteiligt. Eigene Erhebungen in der Studie umfassten 899 Teilnehmende an einer Social-Media-Befragung und 24 leitfadengestützte Expert*innen-Interviews. Das f-bb zeichnete verantwortlich für die Expert*innen-Interviews.

Im folgenden Artikel greifen wir Fragen rund um die Zu- und Abwanderung aus EU‑Mitgliedstaaten auf. Unsere Kolleginnen Olesia Hausmann und Wiebke Reyels beantworten sie auf Basis der Studienergebnisse und ordnen diese fachlich ein.

Aus welchen EU-Ländern kommen die meisten Bürger?

Laut Ausländerstatistik des Statistischen Bundesamts aus dem Jahr 2023 waren die meisten EU-Bürger*innen in Deutschland aus Rumänien (910.000 Personen) und Polen (888.000 Personen), gefolgt mit Abstand von Italien (644.000), Bulgarien und Kroatien (je 437.000). Damit machen die südosteuropäischen Länder insgesamt die größte Zuwanderungsgruppe aus der EU aus.

Was sind die Motive für eine Zuwanderung nach Deutschland aus einem anderen EU-Land?

Sowohl in der Social-Media-Befragung unserer Studienpartner sowie in den Äußerungen der 24 interviewten Expert*innen decken sich die Wahrnehmung der Zuwanderungsmotive von EU-Bürger*innen, die vor allem ökonomischer und persönlicher Natur sind. 23,7% der Teilnehmenden in der Social-Media-Befragung geben an, wegen eines Jobangebots nach Deutschland gekommen zu sein oder 13,8% aus finanziellen Gründen. Darüber hinaus spielen auch familiäre Gründe eine wichtige Rolle, wie zum Beispiel die Familienzusammenführung. In der Befragung gaben 25,5% an, wegen des Zusammenzugs mit ihrem Partner gekommen zu sein. Ein weiterer Aspekt ist die Aussicht über den Verdienst Angehörige im Herkunftsland finanziell zu unterstützen, was uns die Expert*innen in den Interviews bestätigten.

Was sind Gründe für die die Abwanderung aus Deutschland?

Mehrere Expert*innen gaben als Hauptgründe für Abwanderung hohe Wohn- und Lebenshaltungskosten sowie ein fehlendes soziales Zugehörigkeitsgefühl und Diskriminierungserfahrungen der EU-Bürger*innen in Deutschland an. Es wurden auch fehlende berufliche Aufstiegsmöglichkeiten, ein erschwerter Zugang zum Spracherwerb und das zunehmend migrationskritische Klima in der Gesellschaft als Abwanderungsgründe benannt. 

Was sind die Erfahrungen von eingewanderten EU-Bürger*innen in Bezug auf die soziale Integration? Was läuft dabei gut? Wo gibt es Hürden?

Die soziale Integration von EU-Bürger*innen gelingt in vielen Bereichen durchaus gut: In der Social-Media-Erhebung gaben 72% der Befragten an, sich gegenwärtig willkommen zu fühlen. Mit der Zeit bauen sie sich soziale Netzwerke auf und verfügen über gute Deutschkenntnisse, was die Teilhabe am Arbeitsmarkt und im Alltag erleichtert.

Gleichzeitig wurden in den Expert*innen-Interviews deutliche Hürden benannt: Schwierigkeiten beim Zugang zu bezahlbarem Wohnraum, begrenzte Möglichkeiten zum Spracherwerb und zur beruflichen Weiterbildung, bürokratische Hürden sowie Diskriminierungserfahrungen waren einige. Auch ein fehlendes Zugehörigkeitsgefühl und eingeschränkte Kontakte zur Mehrheitsgesellschaft können die Integration erschweren. In den Expert*innen-Interviews wurde mehrfach darauf hingewiesen, dass insbesondere Personen aus Südosteuropa, die häufig im Niedriglohnsektor beschäftigt sind, von Diskriminierungserfahrungen und Ressentiments betroffen sind.

Und wie steht es um die Integration am Arbeitsmarkt – was sind hier die Erfahrungen?

Insgesamt gelingt der Einstieg in den Arbeitsmarkt für viele EU-Bürger*innen vergleichsweise problemlos. Sie finden meistens Beschäftigung und sind mit ihrer Arbeit oft zufrieden. Ein Großteil der EU-Bürger*innen ist in Deutschland sozialversicherungspflichtig beschäftigt, bei Personen aus Südosteuropa liegt der Anteil unter den Erwerbstätigen sogar bei über 90 Prozent.

Dabei läuft die Arbeitssuche häufig über informelle Kanäle, wie Internetrecherche oder Bekannte, erzählen die Expert*innen. Herausforderungen zeigen sich vor allem strukturell. In den Expert*innen-Interviews wurde berichtet, dass viele EU-Bürger*innen über ihre Arbeitsrechte, z.B. Lohnfortzahlung im Krankheitsfalle, Mutterschutz, Urlaubsansprüche etc. nicht gut informiert sind. Auch die Social-Media-Befragung zeigte auf, dass 28% der Befragten der Aussage „Ich weiß, wie ich meine Rechte und Ansprüche durchsetzen kann“ nicht zustimmten. Im Niedriglohnsektor sind unsichere und belastende Arbeitsverhältnisse sowie rechtswidrige Praktiken verbreitet. Arbeitsverhältnisse wurden so beschrieben, dass es teilweise starke Abhängigkeiten von den Arbeitgebern gäbe, insbesondere, wenn diese auch den Wohnraum zur Verfügung stellen. So entstand auch eine Handlungsempfehlung, Arbeitsverträge und Mietverträge zu entkoppeln. Bundesweit gibt es Beratungsstellen (Faire Mobilität), die wegen dieser Arbeitsausbeutungen eingerichtet wurden und Zugewanderte bei der Wahrnehmung ihrer Rechte unterstützen. Einige Vertretungen nahmen an den Expert*innen-Interviews teil, so dass ihre Erkenntnisse in die Ergebnisse der Studie einflossen.

Nach der aktuellen Mittelfristprognose des BMAS übersteigt der jährliche Bedarf an Fachkräften das Angebot um etwa 440.000 Personen, was durch den demografischen Wandel und die aktuell sinkende Zuwanderung verstärkt wird. Um den Bedarf zu decken, liegt es also in unserem eigenen Interesse, dass gerade die Fachkräfte aus dem europäischen Ausland gute Arbeits- und Lebensbedingungen vorfinden und sich willkommen fühlen.

 

Quelle:

Zika, G. et al. (2025): Fachkräftemonitoring für das BMAS – Mittelfristprognose bis 2029. Fachkräftemonitoring für das BMAS – Mittelfristprognose bis 2029

Rechtlich gleichgestellt – praktisch benachteiligt? EU-Zugewanderte in Deutschland