Newsletter 01/2017

Berufliche Kompetenzen erkennen: Verbesserung der Beratung und Vermittlung von Flüchtlingen bei der Bundesagentur für Arbeit

von Kristin Hecker und Dr. Wolfgang Wittig

Auch wenn die Arbeitsmarktlage insgesamt als gut bezeichnet werden kann, steht die Arbeitsmarktpolitik in Deutschland heute vor zwei zentralen Herausforderungen. Zum einen gilt es, die in den vergangenen Jahren nach Deutschland gelangten Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren – ihre Zahl hat sich in den vergangenen fünf Jahren auf über 1,6 Millionen erhöht. Diese Personen, von denen sich etwa die Hälfte im erwerbsfähigen Alter befindet, stehen zum überwiegenden Teil nicht unmittelbar für den Arbeitsmarkt zur Verfügung, weil es ihnen an entsprechenden Qualifikationen fehlt. Rund 60 Prozent der Arbeitslosen aus Asylzugangsländern verfügen nicht über einen formalen Berufsabschluss. Zum anderen besteht das Problem einer konstanten Langzeitarbeitslosigkeit fort: Die Zahl derer, die seit einem Jahr oder länger arbeitslos sind, liegt seit fünf Jahren bei rund einer Million. Unter ihnen befinden sich viele formal Geringqualifizierte.

Die Arbeitsmarktintegration dieser Gruppen stellt eine große Herausforderung für die Beratungs- und Vermittlungstätigkeit der Bundesagentur für Arbeit (BA) dar. Vor diesem Hintergrund entwickelt das Mitte 2016 gestartete Projekt „Berufliche Kompetenzen erkennen“ standardisierte Kompetenztests, deren Ergebnisse eine passgenaue und zielgerichtete Nutzung weiterführender Angebote der BA ermöglichen. Die Tests fokussieren auf arbeitsbezogene Fachkompetenzen, die durch non-formales und informelles Lernen, bei Flüchtlingen etwa durch mehrjährige Arbeitserfahrung im Herkunftsland, erworben wurden und nicht durch Zertifikate belegt sind. Die Sichtbarmachung dieser Kompetenzen auf dem Wege technologiebasierter Testverfahren ermöglicht eine erste fachliche Standortbestimmung, auf deren Grundlage die Fachkräfte der BA gemeinsam mit den Kunden/innen eine zweckmäßige Qualifizierungs- und Vermittlungsstrategie festlegen können. Das f-bb ist für die wissenschaftliche Begleitung des Vorhabens zuständig und unterstützt die Einbindung der Kompetenztests in die Strukturen der BA durch Konzeptentwicklung und Beratungsdienstleistungen.

Um die Nutzbarkeit der Tests in den Regelprozessen der Bundesagentur für Arbeit zu gewährleisten, sind verschiedene Voraussetzungen zu erfüllen. Zunächst müssen die Tests die Anforderungen des deutschen Beschäftigungssystems abbilden, auf das die Dienstleistungen der BA bezogen sind. Die Testinhalte orientieren sich daher an 30 deutschen Referenzberufen, die als Maßstab für die Diagnostik beruflicher Handlungsfähigkeit herangezogen werden. Die Nutzung der Tests im Beratungs- und Vermittlungsprozess erfordert ferner einen definierten Verfahrensablauf. Zur Identifizierung der Testpersonen wurden fünf Entscheidungskriterien festgelegt, deren wichtigstes die Zugehörigkeit zur Zielgruppe der formal Geringqualifizierten ist, da die bereits bestehenden Verfahren der Anerkennung formaler ausländischer Berufsqualifikationen stets Vorrang haben. Zu prüfen sind darüber hinaus die subjektive Eignung für den Test und seine Zweckmäßigkeit vor dem Hintergrund der Vermittlungsstrategie. Das f-bb entwickelt Schulungskonzepte für die Vermittlungsfachkräfte, die die Testergebnisse zu interpretieren haben.

Durch die Nutzung standardisierter Kompetenztests in der Vermittlung kann ein mehrfacher Zusatznutzen geschaffen werden. Die Vermittlungsfachkräfte erhalten Aufschluss über die fachlichen Kompetenzen ihrer Kunden/innen und können zielgerichtet die weiteren Maßnahmen planen. Die getesteten Personen profitieren von verbesserter Beratung und Vermittlung und erhalten einen ersten schriftlichen Kompetenznachweis. Für Arbeitgeber ist das Instrumentarium insofern von Interesse, als es hilft, die Einsatzmöglichkeiten von Bewerbern realistisch einzuschätzen und passgenaue Vermittlungsvorschläge zu unterbreiten.