InfoForum 01/2026
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Schritt für Schritt zur abgestimmten Beratung
Zur Bedeutung vernetzter Unterstützungsangebote bei Studienzweifel und Studienabbruch

Studienabbruch beginnt schon lange vor der Exmatrikulation – diese Erkenntnis prägte die Diskussion im Queraufstieg-Labor, einem Format des Beratungsnetzwerks Queraufstieg Transfer. Dort reflektieren Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis jährlich Fragestellungen rund um Studienzweifel und Studienabbruch und prüfen deren Praxistauglichkeit. Im Zentrum des letzten Labors stand die Frage, wie frühzeitige und vernetzte Beratung Studierende wirksam begleiten kann.
Vor der Krise ansetzen: Wie Beratung im Studium wirksam wird
Aus der Beratungspraxis ist bekannt, dass sich Studierende meist erst dann Hilfe suchen, wenn der Druck bereits sehr hoch ist. In solchen Situationen ist präventive Wirkung kaum mehr möglich. Deshalb sollte Beratung als regulärer Bestandteil des Studiums etabliert werden – sichtbar und niedrigschwellig. Angebote wie die Thementage der Technischen Hochschule Wildau zu bestimmten Beratungsangeboten verdeutlichen, wie sich Unterstützungsbedarf frühzeitig erkennen lässt. Ebenso wichtig ist eine differenzierte Beratung, die klärt, ob Zweifel durch fachliche Fehlentscheidungen oder durch Lern‑ und Organisationsprobleme entstehen. Ziel ist ein gelingender Studienverlauf oder ein rechtzeitig eingeschlagener alternativer Bildungsweg.
Welche Strukturen brauchen Studienzweifelnde und -abbrechende?
- Transparenz über Studien- und Berufsbildungsgänge.
- Eine Kultur, die Beratung als gängige Dienstleistung versteht.
- Berufsorientierung, die bereits in der Schule ansetzt, u.a. durch mehr verpflichtende Praktika und erweiterte Praxistage.
Neuorientierung ermöglichen: Studienabbruch als Chance verstehen
Studienabbruch wird zudem nicht als individuelles Scheitern betrachtet, sondern als Hinweis auf Verbesserungsbedarf in der Systemkoordination. Wer das komplexe Bildungs- und Ausbildungssystem betrachtet, erkennt, dass jungen Menschen oft der Überblick über die Vielzahl beruflicher Möglichkeiten fehlt: vom zweiten Bildungsweg über Meisterabschlüsse bis zu einem Quereinstieg und -aufstieg. Berufsorientierung muss daher breiter angelegt und deren Konzepte kontinuierlich aktualisiert werden, unter Einbeziehung der Eltern und des sozialen Umfelds, die großen Einfluss auf Bildungsentscheidungen haben. „Scheitern“ sollte als Teil des Lernprozesses verstanden werden: Fehlentscheidungen gehören dazu, wenn man die Vielfalt in Berufen und Lebenswegen aufzeigen und Räume zum Ausprobieren schaffen will. Gute Beispiele wie Berufsorientierungsmanager*innen an Schulen, das Orientierungsstudium „MINTgrün“ an der Technischen Universität Berlin oder das Programm „O ja! Orientierungsjahr“ der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, der Industrie- und Handelskammer zu Berlin sowie des ABB Ausbildungszentrums Berlin zeigen, wie Orientierung und Umorientierung gelingen können, wenn Schulen, Hochschulen und Wirtschaft ihre Angebote stärker verzahnen. Generell ist zu beobachten, dass das gesamte Bildungssystem durchlässiger geworden ist und Studienabbrüche keine Sackgasse mehr darstellen, sondern Umorientierung ermöglichen.
Übergänge aktiv gestalten: Anschluss statt Abbruch
In der Diskussion wurde deutlich, dass der Übergang nach einem Studienabbruch ebenso wichtig ist wie dessen Vermeidung. Abbrüche entstehen oft durch individuelle Umstände; entscheidend ist daher, wie Studierende im Anschluss aufgefangen und begleitet werden, denn ein gelingender Übergang in Ausbildung oder Beruf könne Arbeitslosigkeit vorbeugen und neue Perspektiven eröffnen. Gleichzeitig ist diese Phase ein Reifeprozess: Viele Betroffene brauchen Zeit, um Entscheidungen neu zu überdenken oder Beratung zu nutzen – eine „Leerlaufphase“ könne dabei sinnvoll sein. Herausforderungen ergeben sich durch systemische Brüche, etwa unterschiedliche Starttermine in Studium und Ausbildung. Eine koordinierte Zusammenarbeit zwischen Beratungseinrichtungen ist zentral, um Studierende nicht in Übergängen zu verlieren.
Wie gelingt vernetzte Beratung?
- Flexiblere Anschlussoptionen und Konzepte wie ein bezahltes Orientierungsjahr oder verkürzte Ausbildungszeiten für Abiturient*innen.
- Verlässliche Kooperationen und klare Zuständigkeiten zwischen den Beratungssystemen (Hochschulen, Schulen, Betrieben und Beratungsstellen).
- Informationsinstrumente wie Berufswahlpass (Prozessbegleitung von jungen Menschen zur Berufsorientierung), Beratungslandkarten (Instrument zur transparenten Darstellung regionaler Unterstützungsangebote und zur strukturierten Verweisberatung) oder das QuerNavi (Angebot zur Suche von Beratungsstellen und Unternehmen für Studienzweifler*innen und Studienabbrecher*innen von Queraufstieg Transfer am Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb)).
Was das System leisten muss: Orientierung als kontinuierlichen Prozess gestalten
Die Diskussionen im Queraufstieg-Labor zeigen, dass Studienabbrüche systemisch betrachtet werden müssen:
- Ein kohärentes System sollte Beratung früh verankern, Orientierung als Prozess gestalten und Übergänge aktiv begleiten, sodass Studienabbrüche als regulärer Bestandteil von Bildungsbiografien und Chance zur Neujustierung gesehen werden.
- Hochschulen, Schulen, Betriebe und Beratungseinrichtungen sollten dafür früh ansetzende Strukturen und verzahnte Angebote aufbauen.
Daraus ergeben sich konkrete Handlungsbedarfe für Politik und Praxis – bspw. verbindliche Frühberatung, systemische Vernetzung bestehender Angebote und die öffentlichkeitswirksame Stärkung gemeinsamer Netzwerke.
Das Projekt „Beratungsnetzwerk Queraufstieg Transfer – Vernetzt beraten zum Thema Studienabbruch in Berlin, Brandenburg, Bremen, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen“ wird seit Januar 2021 im Verbund vom Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb) und MA&T Organisationsentwicklung durchgeführt und im Rahmen der Initiative Bildungsketten durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) gefördert.

